Stadt Crivitz 07.10.2021 Umweltausschuss Stellungnahme zum Entwurf des Umweltberichtes zur Teilfortschreibung des Kapitel 6.5 Energie des REP-Westmecklenburg für das ausgewiesene WEG 48/21 Wessin

  1. Entwurf – Umweltbericht zur 3. Stufe des Beteiligungsverfahrens
    Pkt. 2.1 Definition der Schutzgüter
    Schutzgut Tiere, Pflanzen und biologische Vielfalt
    Bewertung der Rastplatzfunktion (S. 22)
    Das WEG Wessin 48/21 ist nach dem Gutachten I.L.N. & IFAÖ von 2009 (Datenherausgabe LUNG
    M-V) in die Rastplatzfunktion der Kategorie B eingestuft. Auf dieser Grundlage ist die Bedeutung
    dieses Rastgebietes als Nahrungsflächen und Schlafplätzen mit Stufe 3 bewertet worden.
    Das o. angef. Gutachten stützt sich auf aktuelle Beobachtungsdaten von 1996 -2007 und einem
    Abgleich durch die Beteiligung der Naturschutzbehörden 2008/2009.
    Im Teil Bedeutung dieses Gutachtens werden die Stufen 2,3,4 erläutert:
    Stufe 4 – Nahrungs- und Rastgebiete rastender Wat- und Wasservögel von außerordentlich
    hoher Bedeutung innerhalb eines Rastgebietes der Klasse A (i.d.R. direkt mit
    einem Schlaf- bzw. Ruheplatz verbunden – Bewrtung: sehr hoch (Stufe 4).
    Stufe 3 – Stark frequentierte Nahrungs- und Ruhegebiete in Rastgebieten der Klasse A oder
    bedeutendste Nahrungs- und Ruhegebeite in Rastgebieten der Klasse B (hier i.d.R
    mit dem Schlafplatz verbunden) – hoch bis sehr hoch (Stufe 3).
    Stufe 2 – regelmäßig genutzte Nahrungs- und Ruhegebiete von Rastgebieten verschiedener
    Klassen – mittel bis hoch (Stufe 2).
    Es wird festgestellt, dass die Beobachtungsdaten ab 1996 über einen zu kurzen Zeitraum erfolgten.
    Um aber eine gesicherte Aussage zum WEG 48/21 und seinem Umfeld über die Bedeutung als
    Rast- und Äsungsgebiet für Wasservögel u.a. Großvögeln zu treffen, sind langjährige und dauerhaft
    geführte Beobachtungen erforderlich.
    Seit 1956 liegen von engagierten Ornithologen wie W. Kaiser, Ernst Schmidt, Erich Richter, Helmut
    Kiesewetter, Reinhard Eggert gesicherte Beobachtungen über Rast- und Nahrungsaufnahme in
    diesem Gebiet vor. Die Rast- und Nahrungsaufnahme auf diesem Gebiet ist im engen
    Zusammenhang mit dem Schlafplätzen am etwa 800m südlich gelegenen Barniner See zu
    betrachten.
    Im Ornithologischen Rundbrief Mecklenburgs von 1978 berichten die Ornithologen, das der
    Barniner See eine überragende Bedeutung für Durchzügler und Überwinterer verschiedenster
    Vogelarten hat.

  2. Beobachtet wurden u.a.
    in den Jahren 1962 – 1971 häufig Graugänse, bis zu 4T Bleß- und 1,5T Saatgänse;
    von 1978 – 1973 mehrere Trupps von Kurzschnabelgänsen;
    von 1955 – 1973 fünf Beobachtungen mit 1-3 Ringelgänsen;
    15.12.1957, 6.3.1963 und 8.1.67 einz. Weißwangengänse;
    vom 21.2. – 9.3. 1968 jeweils 30 Ex. von Kanadagänsen;
    10.12.1967 und weiter unregelmäßig mehrere Sing- und Zwergschäne.
    Der Barniner See ist aber auch Lebensraum für viele andere Wasservögel. Im ornithologischen
    Rundbriefen und Schriften sind weiterhin beobachtet worden:
    Prachttaucher, Sterntaucher, Haubentaucher, Rothalstaucher, Ohrentaucher, Zwergtaucher,
    Kormoran, Graureiher, Große Rohrdommel, Weißstorch, Stockente, Krickente, Knäkente,
    Schnatterente, Pfeifente, Spießente, Löffelente, Kolbenente, Bergente, Reiherente, Tafelente,
    Moorente, Schellente, Eisente, Samtente, Trauerente, Eiderente, Mittelsäger, Gänsesäger. Die
    Beobachtungsdaten und die anzahl der jeweiligen Exemplare sind in den Schriften nachzulesen.
    Die Beobachtungen in den Tagebuchaufzeichnungen von E. Schmidt für den Zeitraum von 1956-
    1978 und von 2000 bis 2021 weisen eine hohe Artenvielfalt in dem ausgewiesenen WEG und
    seinem Umfeld auf. Die Tagebuchaufzeichnungen liegen dieser Stellungnahme bei.

In den ornithologischen Mitteilungen wird unter dem Titel „Durchzug, Rast und Überwinterung von
Schwänen, Gänsen, Möwen und Singvögeln auf dem Barniner See von 1956 – 2007“ das
Schlafplatzgeschehen der genannten Vogelarten beschrieben. Aus den Beobachtungszeiträumen von
1956-1968 mit 317 Kontrollen und von 1994-2007 mit 209 Kontrollen liegen gesicherte Ergebnisse
über das Abfliegen vom See in die Äsungsgebiete und das Entfliegen auf den See zum Abend hin
vor, z.B. am 11.12.2004 um 7.47 Uhr flogen 3500 Saatgänse ab.
Die Ergebnisse einzelner Gänsearten sind in den ornithologischen Mitteilungen dargestellt.
Auf der Festveranstaltung zum 50-jährigen ornithologischen Fachgruppenjubiläum der Fachgruppe
Ornithologie Parchim sind unter dem Fachbeitrag „Durchzug, Rast und Überwinterung der
Wasservögel auf dem Barniner See von 2007- 2017“ die Anzahl der Kontrollen und das
jahreszeitliche Auftreten der Schwanen- und Gänsearten dargestellt worden.
Im Folgenden sind als Beispiel die Ergebnisse vom Höcker- und Singschwan dargestellt.
Die Anzahlen der jeweiligen Art und die Beobachtungsdaten sind in den Aufzeichnungen ersichtlich.


In Anlage 1 sind die Ergebnisse vom Höcker-, Sing- und Zwergschwan und in Anlage 2 ist die
Anzahl der Kontrollen und die jahreszeitliche Häufigkeit vom Höckerschwan, Singschwan und
Zwergschwan aufgeführt.
Reinhard Eggert hat im Herbstzug in den Jahren 2018 und 20219 auf den Ackerflächen nord-östlich
von Hof Zapel jeweils mehrere, bis zu 10.000 Ex. Gänse zur Äsung einfallen beobachtet.
Neben den Wasservögeln von Schwänen und Gänsen ist der Kranich als Zug-, Rast- und Brutvogel
sowie mit seinem Schlafplatz an den Ufern des Barniner See mit in die Beobachtung einbezogen.
Das ausgewiesene WEG und sein Umfeld ist nicht nur für Wasservögel u.a. Großvögel als Zug-,
Rast-, Äsungsgebiet und als Schlafplatz am Barniner See von Bedeutung. Greifvogelarten, wie Rot
Milan, Mäusebussard, Kornweihe, als Überflug für Seeadler, Fischadler haben hier ihr Brutgebiet.
Als Gast sind insbesondere in den Herbstmonaten einzelne Raufußbussarde beobachtet worden.
Der Rot Milan wird in einzelnen Exemplaren dauerhaft im Flug über und um das WEG herum
beobachtet. Bereits in den beschriebenen Beobachtungen der o. angef. Schriften und Tagebüchern
wird jährlich von zwei regelmäßig besetzten Horsten ausgegangen. Die Horste sind vorwiegend in
den Waldgebieten der Mordkuhle und vorübergehend auch im Eichholz anzutreffen. Der Rot Milan
ist durch seinen häufigen Tiefflug besonders durch die Kollision mit den Rotorblättern der WKA
und nachgewiesen auch durch Kollision mit dem Fahrzeugverkehr auf den entlang des WEG
führenden Bundesstraßen 321 und 392 gefährdet. Am 09. Sept. 2019 gegen 15.00 Uhr ist ein Rot
Milan mit einem Fahrzeug auf der B392 kollidiert.
Da der Rot Milan in der ersten Septemberhälfte in sein Überwinterungsgebiet fliegt und nach
seiner Rückkehr im Frühjahr nicht immer seinen alten Horst bezieht, ist nicht sicher, jährlich den
genauen Horststandort zu bestimmen. Dennoch wird der Rot Milan ständig mit mehreren
Exemplaren in diesem Gebiet beobachtet. Die letzte Beobachtung von R. Eggert am 06.10.2021
nord-östlich von Hof Zapel ist erwähnenswert.
Der Kranich ist sowohl als Zug-, und Brutvogel in diesem Gebiet Dauergast. Die Ackerflächen
nutzt er zur Rast- und Äsung. Die ausgedehnten Schilfpartien des nahe gelegenen Barniner See
dienen dem Kranich als Schlafplatz.
Im Frühjahr (März/April) 2021 sind bis zu 2.500 Kraniche in mehreren Trupps beobachtet worden.
Die vorhandenen Feuchtbiotope im WEG mit einem Brutplatz für Kraniche unterliegen den
Regelungen für Horstschutzzonen nach dem §§23 (Artenschutz) Abs. 4 des Naturschutzausführungsgesetz – vom NatSchAG MV – vom 23.10.20210. Hiernach sind die Abstände und die Bewirtschaftung der WKA einzuhalten.
Der Raufußbussard ist in diesem Gebiet immer wieder in den Herbst- und Wintermonaten als
Durchzügler beobachtet worden. E. Schmidt beobachtete am 17.12.1972 8 Bussarde, vorwiegend
Raufußbussarde. W. Schmidt beobachtete und fotografierte am 30.09.2021 einen Raufußbussard.
Von den Sperlingsvögeln sind als Brutvogel in diesem Gebiet zu erwähnen:
Im Frühjahr 2021 ist am …. durch W. Schmidt der Durchzug und die Rast von einem Trupp Rot
Drosseln beobachtet und im Foto festgehallten worden.
Der Steinschmätzer ist von W. Schmidt am ….. beobachtet und im Foto festgehalten worden. Er
steht auf der Roten Liste.
Die Grauammer ist am 25.06.2012 von W. Schmidt beobachtet und im Foto festgehalten worden.
Sie steht auf der Vorwarnliste zur Roten Liste.


Wertung und Empfehlung


Das ausgewiesene WEG mit seinem Umfeld ist ornithologisch in Verbindung zum Barniner See zu
betrachten. Eine Vielzahl von Vogelarten nutzt dieses Gebiet als Durchzug, zur Rast und zur
Nahrungsaufnahme, als Schlafplatz am Nahe gelegenen Barniner See und als Brutgebiet.
Zu vermuten ist, dass viele der hier ihren Lebensraum verbringenden Vogelarten, insbesondere der Wasservögel, dieses Gebiet mit dem Aufbau der WKA künftig meiden werden und die Artenvielfalt
ärmer wird. Der Kranich wird sein angestammtes Brutgebiet in dem Feuchtbiotop verlassen, der
Steinschmätzer (auf der Roten Liste) und die Grauammer (auf der Vorwarnliste zur Roten Liste)
werden voraussichtlich andere Biotope aufsuchen. Die langjährigen Beobachtungen und Tagebuchaufzeichnungen erlauben eine verlässliche Aussage zum dauerhaften Vorkommen der vielen Vogelarten.
Das ausgewiesene WEG sollte daher in Kategorie A mit einer hohen
Bewertung eingestuft werden!


Schutzgut Boden


Der Boden auf diesen Ackerflächen ist mit einer hohen Wertigkeit an Bodenpunkten ausgestattet.
Orftsansässige und ältere Einwohner dieser Region berichten von Anbauten mit Zuckerrüben und
Weizen auf schweren und ertragreichen Ackerböden.
Mit dem Bau und die Bewirtschaftung von WKA werden Zufahrtswege geschaffen, die die
Bodenstruktur verfestigen und diese dann nur schwerlich zu renaturieren sind. Die Flächen für die
Inanspruchnahme der jeweiligen WKA werden mit Betonblöcken versiegelt und sind für künftige
landwirtschaftliche Bewirtschaftung kaum wieder in ihren ursprünglichen Zusrand herzustellen.
Schutzgut Wasser
Der Wasserhaushalt wird nur unwesentlich beeinflußt. Lediglich die Zufahrtwege zu den WKA und
die Versiegelung der Flächen verhindert das Versickern von Oberflächenwasser.
Schutzgut Landschaftsbild
Das Lanschaftsbild zwischen Crivitz, Zapel (Hof und Ausbau Zapel), Wessin, Barnin und
Friedrichsruhe ist bereits mit vorhandenen Windkraftanlegen (Kladrum, Hohen Pritz), einer
Photovoltaikanlage, einer 380 KV Überleitung und einem Netzverteilungspunkt ausgestattet. Eine
weitere Windkraftanlage sowie eine angedachte weitere Photovoltaikanlage von etwa 50 ha
schränkt das Landschaftsbild künftig erheblich ein.
Schutzgut Menschliche Gesundheit und Wohlbefinden
Auch wenn vertiefte Untersuchungen zu Lärm- und Lichtimmissionen sowie Schattenwurf
Gegenstand des immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsverfahrens sind, bleibt dennoch die
Sorge der Anwohner, in diesem Gebiet vor möglichen schleichenden Gesundheitsschädigungen.

  1. Teilfortschreibung – Entwurf des Kapitels 6.5. Energie
    zur 3. Stufe des Beteiligungsverfahrens
    Tourismusschwerpunkte und Unzerschnittene landschaftliche Freiräume mit
    Schutzwürdigkeit
    Das Windeignungsgebiet 48/21 Wessin hat durchaus eine touristische Bedeutung. Der Barniner See
    als Badegewässer und die unzerschnittene weite Landschaft sind beliebte Ausflugsziele. Sie werden
    jährlich von vielen Besuchern aufgesucht.
    Der unmittelbar durch das geplante WEG verlaufende Weg von Hof Zapel nach Wessin ist ein
    schützenswerter Landweg, dessen Seitenstreifen in floristischer und faunistischer Hinsicht eine
    reichhaltige Artenvielfalt aufweist, insbesondere trifft das auf Insekten, und Kleinvögeln zu. Dieser
    Landweg ist ein beliebter Wanderweg für Einheimische und Naturliebhaber.
    Rotmilan-Aktionsräume mit hoher und sehr hoher Dichte geeigneter Jagdhabitate
    Das Vorkommen und die Bedeutung des Rot Milan sind in Pkt. 1 des Umweltberichtes ausführlich
    beschrieben worden.
    Der Rot Milan hat im Herbst 2021 das WEG mit seinem Umfeld offensichtlich als Nahrungssuchraum und als Sammelplatz für den Zug in die Winterquartiere ausgewählt. Berichte bereits aus
    den Jahren 2019 und 2020 von Wanderern und ornithologisch Interessierten belegen diese
    Feststellung.
    W. Schmidt beobachtete am … 10 und am …. 18 Rot Milanen im Überflug einer z.Zt. in
    Bearbeitung befindlichen Ackerfläche. R. Eggert beobachtete am 6.10.2021 einen Rot Milan und
    am 9.10.21 5 Rot Milane. J. Heine beobachtete am 9.10.21 7 Rot Milane, die um etwa 7.30 Uhr von
    ihren Schlafplätzen in den hohen Pappeln am schützenswerten Landweg abflogen.
    Unsere Empfehlungen zum Teil 2 der Teilfortschreibung
    Die sich entwickelnden Jagd-, Sammel- und Schlafplatz Aktionsräume im Herbst mit hoher Dichte
    an Rot Milanen sollte in ein „weiches Ausschlusskriterium“ in die Kriterien zur Prüfung als
    Eignungsgebiet für WEA aufgenommen werden.
    Daqher sind die Ackerflächen, etwa ab dem Umspannwerk, der Ortslage Hof Zapel bis hin zur
    Rasengitterstraße Wessin / B321 sollten mit WKA auszusparen